for a friend

Es war nass. Es war mitten auf der Straße. Seine Lippen waren weich und meine Knie auch. Mein Herz klopfte. Ich musste die Augen schließen.
Als ich wieder aufwachte, stand ich im Regen. Absolut verwirrt. Jemand hatte mich geküsst, vor nicht so langer Zeit. Ich erinnerte mich sehr deutlich an seinen Geruch, seine Lippen. Das war aber auch schon alles. Wasser tropfte mir aus den Haaren in die Augen. Seinen Namen wusste ich nicht. Wenn ich es mir recht überlegte, wusste ich nicht einmal meinen eigenen Namen. Fröstelnd zog ich meinen Mantel enger um mich. Ich trug einen grünen Plastikmantel. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er mir gehörte. Er gefiel mir noch nicht einmal. Ich schlug den Kragen hoch, Wasser lief mir in den Nacken, ich sah mich um. Ich stand auf einer Brücke, Menschen hasteten an mir vorbei, da war eine Straße. Nichts, das mir bekannt vorgekommen wäre, Autos, ein Fluss, Regen. Ein Mann im Anzug lief über die Straße, er trug seine Schuhe in der Hand. Die Tageszeit war schwer abzuschätzen, Nachmittag, vielleicht. Hier konnte ich nicht stehen bleiben. Ich ging geradeaus, über die Brücke. In der Straße verliefen Straßenbahnschienen. Geschäfte hatten schon geschlossen. Ich schlug einen energischen Schritt an, wie jemand, der weiß, wohin er dem Regen entkommen will, oder kann. Ich las die Straßenschilder, sie waren in meiner Sprache verfasst. Immerhin. Meine Schuhe drückten. Ich blieb stehen und zog sie aus. Es waren billige schwarze Lackschuhe mit rosa Schleifen und lächerlich hohen Absätzen. Verwundert sah ich sie an. Wer immer ich sein mochte, solche Schuhe würde ich nicht freiwillig anziehen. Ebensowenig, wie diesen scheußlichen Plastikmantel. Das wusste ich ganz sicher, wenigstens das. Der Gedanke beruhigte mich ein bisschen. Neugierig öffnete ich jetzt den Mantel, um zu sehen, was darunter war. Ich trug lila Turnhosen, ein rosa Tüllröckchen und ein enges, schwarzes Oberteil aus Kunststoff. Mein Bauch war nackt. Schnell knöpfte ich den Mantel wieder zu. Das musste ein schlechter Traum sein.
Wach auf, sagte ich laut, bitte, wach auf.
Als mich der verwunderte Blick eines Passanten traf, wusste ich, dass es kein Traum war. Ich zog die Schuhe wieder an, schließlich hatte ich nur die einen. Barfuß konnte ich nicht im Regen stehen bleiben. Also ging ich weiter. In der Scheibe spiegelte sich mein Gesicht. Ich warf einen flüchtigen Blick drauf, von der Seite. Das Gesicht immerhin gehörte mir, das erkannte ich eindeutig. Ich blieb stehen und sah meine weit aufgerissenen Augen. Jemand hatte mich geküsst. Sonst wusste ich nichts. Ich tat mir selber Leid.
Ich schob meine Hand in die Manteltasche, meine Hand berührte Plastik. Es fühlte sich an, wie eine kleine Tasche, mein herz begann zu hämmern. Es war ein kleines Kinderportemonnaie in Micky-Maus-form, mit einem Reißverschluss über beiden Ohren. Hastig öffnete ich es und fand Geld. Vertraute Münzen und Noten, ziemlich viele. Dankbar berührte ich sie mit den Fingerspitzen. Ein Lippenstift, ich schraubte daran. Grelles Pink. Ein klein gefalteter, schmuddeliger Zettel. Meine Hände zitterten, als ich ihn auseinanderfaltete. Es war ein Pillenrezept, für zwei Monate ausgestellt, auf den Namen Rosemarie Schneider. Rosemarie Schneider. Absolut unbekannt. Ich versuchte den Apothekerstempel zu entziffern und kam zu dem Schluss, dass es Juni sein müsse, oder Juli. Vorausgesetzt Rosemarie Schneider hatte den Zettel nicht länger aufgehoben. Meine Enttäuschung war unergründlich. Aber da war immerhin ein Name, da war die Adresse eines Arztes, der das Rezept ausgestellt hatte, und da war Geld. Ich konnte in eine Bar gehen und einen Cognac trinken, der Gedanke kam mir ganz selbstverständlich, obwohl ich in meinem Leben noch nie Cognac getrunken hatte. Also ging ich weiter. Der regen war inzwischen schwächer geworden und die Straßen füllte sich allmählich. Ich hatte keine große Mühe eine Bar zu finden, setzte mich an einen Tisch in der Ecke und bestellte einen großen Cognac. Auf dem Tisch stand eine Schale mit Erdnüssen, die ich gierig aß. Ich bestellte einen zweiten Cognac und fühlte mich etwas besser. Ich streckte die Beine aus, meine Füße taten inzwischen schrecklich weh, diese Schuhe konnte einfach nicht mir gehören.
Denk nach. Versuch dich zu erinnern. Jemand hatte mich geküsst. Sonst nichts.
Verärgert runzelte ich die Stirn, und plötzlich hatte ich Lust auf eine Zigarette. In den Manteltaschen waren keine Zigaretten, ich stand also auf und ging durch die Bar nach hinten, wo ich den Zigarettenautomaten vermutete. Da war auch ein Telefon. Immer noch verärgert schlug ich das Telefonbuch auf und schlug den Namen Rosemarie Schneider nach. Es gab ein paar davon. Ich entschied mich für die oberste und wählte die Nummer. Rosemarie Schneider, Sie sind mit dem automatischen Anrufbeantworter verbunden. Ich bin im Moment nicht zu Hause…
Ich ließ den Hörer fallen. Die Stimme war mir so unangenehm, wie es nur die eigene Stimme sein kann.
Ich kaufte Zigaretten und setzte mich verwirrt an meinen Tisch. Bei dem Ober erfragte ich mir Zettel und Stift, dann schrieb ich: Rosemarie Schneider, Adresse, Telefonnummer, Pillenmarke, Frauenarzt, Adresse, Telefonnummer,…. Nach einer Weile merkte ich, dass mich das nirgendwo hin führen würde, ich zerknüllte also den Zettel und warf ihn in den Aschenbecher. Ich zündete mir eine Zigarette an und fing erneut an zu schreiben:
Ich weiß, dass ich Rosemarie Schneider heiße. Ich rauche, sie nicht, oder?
Ich weiß, dass ich keine leuchtfarbenden Kunststoffsachen tragen würde, oder?
Ich weiß, dass ich hohe Absätze nicht gewöhnt bin, oder?
Die Stimme aus dem Anrufbeantworter ist meine eigene.
Ich habe keinen Schlüssel.
Jemand hat mich geküsst.
Das war das einzige, was ich wusste. Sonst nichts.
Seufzend legte ich den Kugelschreiber hin. Das war die einzig klare Erinnerung, die ich hatte: Lippen, ein Kuss. So deutlich, dass ich die Augen schließen musste. Ich bezahlte meine Cognacs und verließ die Bar. Es regnete immer noch, ich hielt ein Taxi an. Dem Taxifahrer nannte ich die Adresse von Rosemarie Schneider. Die Fahrt dauerte nicht lange. Wir hielten vor einem schäbigen Wohnhaus. Ich bat ihn zu warten.
Die Haustür war offen, das Licht im Treppenhaus funktionierte nicht. Langsam stieg ich von Stockwerk zu Stockwerk und studierte die Namensschilder. Manche Wohnungen schienen leer zu stehen, doch endlich, im vierten Stockwerk links, ein Rosa Aufkleber mit der Aufschrift „Rosemarie Schneider“. Schwarzer Filzstift, runde, kindliche Buchstaben, mit Sicherheit nicht meine eigene Schrift. Ich klingelte, nichts. Ich klingelte noch einmal. Ich hörte die Glocke im Inneren der Wohnung klingeln. Nichts rührte sich. Vorsichtig drückte ich gegen die Tür, sie war nicht verschlossen. Ich trat ein. Es war dunkel. Automatisch fand meine Hand den Lichtschalter, links neben der Tür.
Hallo?, rief ich, Hallo?
Ich stand in einem langen Flur, indem sich Schuhe auf Schuhe häuften. Billige Schuhe mit hohen Absätzen. Ich bückte mich und hob einen auf. Ein rosa Plastikschuh mit scharfer Spitze. Links war eine offene Tür. Den Schuh mit beiden Händen umklammert trat ich ein. Ich befand mich in einem dunklen Zimmer. Wieder fand ich den Lichtschalter automatisch. Das Zimmer war klein. Der abgenutzte Parkettboden war mit Bergen von Kleidern übersät. In einer Ecke stand ein verschnörkeltes weißes Bett. Auf dem Bett lagen Teddybären und eine Frau. Ihr schwarzes Haar hing über den Bettrand und berührte beinahe den Boden. Der Boden war schmutzig, die Frau war tot. Das sah ich auf den ersten Blick.
Ich ließ den Schuh fallen, löschte das Licht und verließ die Wohnung.
Der Taxifahrer hatte nicht gewartet. Es war Nacht. Ich ging in eine beliebige Richtung. Ich dachte nicht mehr weiter. Ich lief so schnell ich konnte, mit diesen idiotischen Schuhen, die nicht mir gehörten. Endlich erkannte ich in der Ferne die Umrisse einer Brücke. Ich atmete auf. Ich ging langsamer. Ich erreichte die Brücke. Ich lieb stehen, hielt mich am Geländer fest und blickte auf den Fluss, der schwarz vor mir lag.
Jemand hatte mich geküsst. Genau hier. Ich drehte mich um und begann zu warten.
Der Regen war wieder stärker geworden. Die Straßen waren menschenleer, nur aus der Ferne hörte man den gleichmäßigen Beat irgendeiner Party. Dieses Geräusch beruhigte. Es nahm meinen Körper völlig ein. Auf einmal schien ich nur noch durch diesen Rhythmus zu leben. Der Rhythmus wurde ich, ich wurde zum Rhythmus. Doch dann ebbte das Gefühl ab. Ich bemerkte, dass ich auf den Bürgersteig zusammengesackt war. Auf dem nassen Boden krümmte ich mich zu einem Knäuel. Ewig konnte ich so nicht sitzen. Es musste etwas passieren. Doch was? Ratlos blickte ich über die Brücke. Am Horizont war der Himmel etwas aufgeklärt, es ließen sich vereinzelte Sterne erblicken. Mit einem Ruck stand ich auf. Ich wollte etwas tun. Zwar wusste ich nicht was, doch das war mir egal. Die Situation war nicht zum aushalten. Ich dachte nach. Wer war ich? was war mir passiert? Bin ich Rosemarie Schneider? und wer hatte mich geküsst? Etwas musste dieser Kuss ausgelöst haben. Aber was? Das waren zu viele Fragen auf einmal. Ich beschloss die Gegend zu erkunden. Vielleicht würde mir ja irgend etwas eine Antwort liefern. An der nächsten Straßenecke sah ich einen alten Mann, der in einer Mülltonne nach Essbarem suchte. Er nahm mich gar nicht wahr. Doch der Geruch, der von ihm ausging erinnerte mich an etwas vertrautes. Es stank zwar fürchterlich, dennnoch irgendwie vertraut. Verwirrt lief ich weiter. Patschte mit meinen Schuhen in die Regenpfützen, dass es spritzte. Die Lichter in den Häusern gingen nach und nach aus, es wurde ruhig. Auf einmal überfiel mich Panik. Ich war allein. In einer fremden Stadt. Ohne jedwedes Erinnerungsvermögen. Aber was war daran schon besonders? Immerhin hörte man in den Nachrichten doch ständig von solchen Fällen. Zumindest konnte ich das vermuten, denn was wusste ich schon? Jemand hatte mich geküsst. Da hinten auf der Brücke.
Nachdem ich eine Weile so gelaufen war kam ich an den Bahnhof. Er war groß. Und grau. Er wirkte wie ein Koloss. Er machte mir Angst. Aber was hatte ich schon zu riskieren? Ich ging hinein. Drinnen war es menschenleer. Es roch nach Urin und Leder. Ziellos streifte ich durch die Wartehalle, an den Schließfächern vorbei und plötzlich fiel mein Blick auf das Schließfach Nr. 346. Es stand offen. Die Tür war ein wenig verbeult, so als hätte jemand versucht sie zuzudrücken, obwohl das Fach voll war. Trotzdem schien sie funktionsfähig. Ich bückte mich, um besser in das Innere sehen zu können. Es lag nicht viel darin. Nur ein kleiner Stofffetzen, der mir bekannt vorkam. Ich nahm ihn in die Hand und untersuchte ihn. Es war Polyester. blau und so, als wäre er von irgendwo abgerissen worden. Instinktiv schaute ich an mir herunter. Es war nichts blaues zu entdecken, oder doch? ich hob mein rosa Tüllröckchen an, tatsächlich, der Saum war blau. Wenn man es genau betrachtete war er sogar genauso blau, wie dieser Stofffetzen. Und bei noch genauerem Hinsehen entdeckte ich, dass ein Stück davon fehlte. Das Stück. Was war geschehen? War ich etwa in diesem Schließfach gewesen? Groß genug wäre es. Oder hatte ich meine Koffer dort hinein gequetscht? Wenn ja, wo waren meine Koffer? Und wer hatte mich geküsst? Ich versuchte mich zu erinnern. Nichts. Ich fing an mich selbst für verrückt zu halten. Was hatte ich in diesen abscheulichen Kleidern zu suchen? Wer war Rosemarie Schneider, wieso war sie tot?
Ich setzte mich auf eine Bank. Gegenüber war ein Zeitungskiosk. Er hatte schon geschlossen, doch die Zeitungen vom Vortag lagen daneben. Ich stand auf. Meine Schritte hallten in der Bahnhofshalle, dass ich mich selbst erschreckte. Ich holte mir eine Zeitung und kehrte auf meine Bank zurück.
Langsam durchblätterte ich die Zeitung. Es stand nichts interessantes darin, denn es war eines jener Exemplare, die mehr Bilder, als Text aufwiesen. Resigniert ließ ich die Zeitung sinken, doch plötzlich fiel mein Blick auf eine Anzeige. Es war eine kurze Mitteilung, dass das Modehaus H&M den Winterschlussverkauf eröffnete. H&M, auch das klang in den Ohren. Was hatte das alles zu bedeuten? Die Tote, der Kuss, der Gestank des Mannes, das Schließfach? Wo war ein Zusammenhang? Und was war H&M? Ein Modehaus. Mehr wusste ich nicht. Obwohl es mitten in der Nacht war, beschloss ich erneut aufzubrechen und die Lösung meines Problems zu suchen.
Vor dem Bahnhof war inzwischen schon wieder etwas Leben eingekehrt. Die Gemüsehändler begannen ihre Stände aufzubauen und Leute eilten in den Bahnhof um den Frühzug zu erreichen. Es regnete immer noch. Über der Stadt schien eine Dunstwolke aus Abgasen zu stehen. Ich stand vor dem Bahnhof und beobachtete alles. Keiner nahm von mir Notiz. Die Menschen schienen so verbissen ihren täglichen Pflichten nachzugehen, dass sie nicht die Zeit hatten gegenseitig auf sich zu achten. Nun bemerkte ich auch wieder, wie meine Schuhe drückten. Daran musste ich schnell etwas ändern. Auch an meinem restlichen Aufzug. Vielleicht war H&M da gar keine so schlechte Idee. Ich steckte mir eine Zigarette an und ging forschen Schrittes auf die nächste Kreuzung zu. Wo ich genau zu suchen hatte wusste ich nicht. Doch mit der einsetzenden Dämmerung fühlte ich mich sicherer. Ich befand mich nun schon eine Weile in diesem Zustand. Vielleicht sollte ich einfach die Situation akzeptieren und nicht weiter darüber nachdenken? Ich könnte mir einen Job suchen, eine Wohnung mieten und ein ganz geregeltes Leben führen. Ich wusste schließlich nicht, was ich vor dem Kuss getan hatte. Vielleicht hatte ich Kinder? Vielleicht wurde ich von der Polizei gesucht? Es hätte alles mögliche sein können. Entweder gut, oder schlecht. Mehr wusste ich nicht.
Die Ampel schlug auf grün, ich schlug meinen Kragen hoch und ging. Mir war kalt. Mir war sogar sehr kalt. Ich hatte anscheinend die richtige Richtung gewählt, denn nach und nach gelangte ich in die Innenstadt. Läden säumten meine Weg. Ob der frühen Stunde hatten sie alle noch geschlossen. In einigen Geschäften war jedoch bereits Licht. Verkäuferinnen dekorierten die Schaufenster und kleideten die Schaufensterpuppen an. Die Schaufensterpuppen. Ich blieb stehen. Ich kannte sie. Ich fühlte mich ihnen sehr verbunden. Warum? Ich war fasziniert von ihnen. Wie sie so still und galant standen. Ich lächelte, doch was war das? Eine der Puppen lächelte mich an. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Film. Seit wann konnten Schaufensterpuppen denn lächeln? Doch wenn ich es mir recht überlegte sollte mich inzwischen gar nichts mehr wundern, schließlich war meine Geschichte doch Wunder genug. Ich probierte es noch einmal und hob kaum merklich die Hand zum Gruß. Die Puppe machte es mir nach. Das konnte doch nicht wahr sein! Ich schaute mich um, ob mich jemand beobachtete. Dann sprang ich hoch. Die Puppe ebenfalls. Ich wandte mich ab. Über die Schulter entdeckte ich, dass ich perfekt imitiert wurde. Was sollte das? Ich betrachtete die Puppe genau und stellte fest, dass sie mir sehr ähnlich sah. Sie hatte die gleichen Augen, den gleichen Mund und die gleiche kleine geschwungene Nase. Jedoch waren ihre Haare blond gelockt, während ich lange braune Haare hatte, die mir inzwischen nass überall im Gesicht herumhingen. Ihre Finger waren lang und ihre Knie waren verschraubt. Instinktiv betrachtete ich meine Knie. Keine Schrauben. Gott sei Dank. Doch was war das? An meinen Kniescheiben waren kleine, kaum sichtbare Narben. Genau an den Stellen, an denen die Puppe die Schrauben hatte. Wurde ich hier zum Narren gehalten? War das alles eine große Verschwörung allein gegen mich? Nein, das konnte nicht sein. Schließlich nahm kaum jemand von mir Notiz. Und verdammt, was hatte das alles mit dieser Rosemarie Schneider zu tun? Diese Puppe gab mir wirklich den Rest.
Jemand stand neben mir. Das merkte ich. Wie lange stand er schon da? Hatte er mitbekommen, dass sich die Puppe bewegte? Jetzt schaute er mich an.
Es ist schon seltsam, meinte er auf einmal. Diese neuen Puppen können sich bewegen, wer weiß, vielleicht können sie sogar sprechen.
Ich war erstaunt. Was sagte er da? Die neuen Puppen?
Meinen Sie, das sind gar keine gewöhnlichen Puppen? Fragte ich ihn. Meine Stimme überschlug sich fast.
Sagen Sie bloß, Sie haben noch nichts davon gehört? Der Mann war offensichtlich belustigt. Die ganze Welt spricht davon, und Sie wissen nichts drüber? Bernd Eickemeyer hat in seiner neuesten Produktion versucht authentische Schaufensterpuppen zu kreieren. Sie haben normale Hautfarbe, man sagt sogar es sei echte Haut. Und sind so konstruiert, dass sie ihren gegenüber perfekt kopieren können. Wie ein Spiegel. So kann der Kunde sehen, wie die Kleidung bei gewöhnlichen Bewegungen aussieht. Es ist hier der neue Verkaufsschlager. Fast jedes Geschäft reißt sich um die Puppen…
Das war genug. Ich unterbrach den Mann, bedankte mich und stürzte davon. war ich etwa eine Puppe? Wie konnte das sein? Ich sah so aus wie sie, doch wieso war ich zu einem Menschen geworden? Ein Mensch mit Gewohnheiten. Ich rauchte. Ich hatte einen gewissen Geschmack was Mode betraf, wie war das möglich? Bernd Eickemeyer. Ich musste ihn finden. Vielleicht konnte er mir helfen.
Ich war glücklich. Und verwirrt. Ich hatte einen Plan. Ich wusste was ich wollte. Und ich hatte Aussicht auf die Lösung meines Problems.
Inzwischen hatte einige Geschäfte geöffnet. Das übliche morgendliche Treiben setzte ein. Ich bekam allmählich Hunger, schließlich hatte ich bisher noch nichts gegessen. Ich schaute mich um. Dort an der Ecke war ein Starbucks. Froh endlich dem Regen und der Kälte zu entkommen trat ich ein. An einem der hinteren Tische saß eine Gruppe von Studenten. Die übrigen Tische waren frei. Ich bestellte einen großen Caramel Cappuccino und einen von den großen Schokokeksen, die in der Auslage lagen. Abermals bat ich um einen Stift. Ich nahm an einem Tisch am Fenster Platz. So konnte ich den ganzen Raum überblicken und sehen, was sich auf der Straße abspielte. Ich kramte meinen Zettel hervor und las ihn noch einmal.
Ich weiß, dass ich Rosemarie Schneider heiße. Ich rauche, sie nicht, oder?
Ich weiß, dass ich keine leuchtfarbenen Kunststoffsachen tragen würde, oder?
Ich weiß, dass ich hohe Absätze nicht gewöhnt bin, oder?
Die Stimme aus dem Anrufbeantworter ist meine eigene.
Ich habe keinen Schlüssel.
Jemand hat mich geküsst.
Ich überlegte und schrieb dann meine Erkenntnisse der vergangenen Stunden nieder.
Ich weiß, dass Rosemarie Schneider tot ist.
Ich habe Ihre Wohnung noch nie vorher gesehen.
Ich weiß, dass der Beat eines Nachtklubs mich bezaubert hat.
Der Geruch des alten Mannes erinnert mich an etwas.
Ich weiß, dass das Stück Stoff in dem Schließfach von meinem Rock stammt.
H&M hat Winterschlussverkauf.
Es gibt menschliche Schaufensterpuppen.
Ich habe gesehen, wie die Puppe mir gewunken hat.
Bernd Eickemeyer hat die Puppen erfunden.
Bernd Eickemeyer. Wo war er? Wie konnte ich ihn finden. Ich erinnerte mich, wie ich Rosemarie Schneider ausfindig gemacht hatte. Sie stand im Telefonbuch. Ich ging nach hinten und suchte ein Telefon. Vergeblich. Starbucks verfügte nicht über ein solches. Im Zeitalter der drahtlosen Kommunikation war es wohl nicht mehr üblich. Auf meine Frage, wo ich denn ein Telefonbuch bekommen würde, lächelte der Verkäufer nur und meinte, ich solle doch mal im Internet nachschauen. Im Internet. Wie sollte ich das denn anstellen. Ich wusste zwar, was das Internet war, doch war ich mir ziemlich sicher, dass ich es nicht bedienen konnte. Meine Hilflosigkeit musste der Verkäufer bemerkt haben, denn er fragte mich nun ob er mir denn helfen könne. Ich sagte, dass ich Bernd Eickemeyer kontaktieren müsse. Doch als ich den Namen ausgesprochen hatte brach er in schallendes Gelächter aus.
Wo leben Sie denn? fragte er, haben Sie nicht von dem tragischen Unfall gestern gehört? Bernd Eickemeyer ist tot. Er ist von der Marienbrücke gestürzt, als er sein neuestes Modell von der Konkurrenz zurückholen wollte. Das Modell ist seit dem auch spurlos verschwunden. Es heißt, es sei von einem gewöhnlichen Menschen nicht zu unterscheiden. …
Ich konnte ihm nicht länger zuhören. Bernd Eickemeyer tot. Das war eine Katastrophe. Mein ganzer Plan war zerstört. Und was hatte er von dem verschwundenen Modell gesagt? Es sei von einem Menschen nicht zu unterscheiden? Die Teile des Puzzles setzten sich nach und nach in meinem Kopf zusammen. Aber mir schien alles noch zu verrückt, um es wirklich glauben zu können. Ich entschloss mich dazu noch einige Nachforschungen anzustellen, eh ich wirklich überzeugt war. So verließ ich Starbucks. Endlich hatte sich der Himmel aufgeklärt und die warme Wintersonne durchflutete die Straßen mit freundlichem Licht. Die Menschen schienen freundlicher und einige liefen sogar mit einem Lächeln durch die Gassen.
Ich wusste auf einmal ganz genau wo ich hinwollte. Doch bevor ich mich auf den Weg machte musste ich mein Äußeres verändern. Das war mir klar. ich war zu auffällig. An der nächsten Ecke befand sich ein H&M. Große Schilder kündigten den Winterschlussverkauf an und so betrat ich den Laden. Ich erstand eine Jeans, ein T-Shirt und einen warmen Mantel. Jetzt lief ich nicht mehr wie ein bunter Hund herum. Beim nächsten Friseur kehrte ich ein und ließ mir einen neuen Haarschnitt verpassen. Ich wollte für mein Vorhaben bestens vorbereitet sein.
Mit neuer Frisur und unauffälliger Kleidung von der Stange sah ich aus wie eine Studentin. Mir fehlte nur noch eine Brille. Die besorgte ich mir beim Optiker, der zwar ein wenig verwundert war, mir jedoch trotzdem ein Modell ohne Stärke anbot. Ich war jetzt total verändert und fühlte mich stark genug für mein Vorhaben.
An einer Straßenbahnhaltestelle stieg ich in die Nummer 31 und fuhr vier Stationen bis zum Jan-Hus-Platz. Dort stieg ich aus und schritt geradewegs auf ein großes modernes Gebäude zu. Es war komplett verglast und man konnte durch die Scheiben Schreibtische und arbeitende Menschen sehen. Ich handelte aus Gefühl, nichts konnte ich erklären. Doch ich wusste, dass ich hier richtig war. Dem Mann am Eingang nannte ich meinen Namen: Rosemarie Schneider. Und er ließ mich durch. Ich nahm den Fahrstuhl und fuhr in den neunten Stock. An dem Büro Nr. 72 blieb ich stehen und öffnete, nach dem ich mich vergewissert hatte unbeobachtet zu sein, die Tür. Es war das Büro von Rosemarie Schneider. Niemand war darin und so hatte ich Ruhe um mir die herumliegenden Materialien anzusehen.
Es waren Skizzen von mir. Mein Kopf, meine Beine, alles war bis ins kleinste Detail gezeichnet, doch auf jeder Skizze stand ein Name: Bernd Eickemeyer. Also hatte Bernd Eickemeyer diese Zeichnungen gemacht. Ich wurde in meinen Annahmen bestätigt und verließ das Büro wieder.
Was sollte ich als nächstes tun. Mir war inzwischen einiges klar geworden, doch noch lange nicht alles. Was war zu tun? Ich entschied mich zu einer List. Ich begab mich ins Foyer und fragte dort die Empfangsdame.
Entschuldigen Sie, sagte ich, in stark französischem Akzent,
Ich bin eine Freundin von Rosemarie Schneider, sie hat mir gesagt, ich solle ihren Kollegen in einer wichtigen Sache kontaktieren, doch ich habe den Namen vergessen, können sie mir sagen, wer mit Rosemarie Schneider zusammenarbeitet?
Die Dame war sichtlich überrascht, doch nach dem sie mir eine Weile erklärte, dass das ganz ausgeschlossen sei und sie dazu nicht befugt wäre lenkte sie schließlich doch ein.
Hier ist eine Liste der Personen, die an ihrem Projekt beteiligt sind, sagte sie,
aber ich bitte Sie, erzählen Sie niemandem, dass sie die von mir haben, sonst bin ich meinen Job los.
Ich bedankte mich artig und studierte die Liste. Darauf waren Namen und die Nummern der Büros.
Ah, da ist er ja, ich meinte Tim Burckhardt, ist er gerade im Haus?
Die Empfangsdame nickte nur und deutete auf den Fahrstuhl
fünfter Stock.
Ich fuhr mit dem Lift nach oben und klopfte an dem Büro. Nach einem ‘Herein‘ trat ich ein. Tim Burckhardt saß am Tisch. Er schaute mich nicht an, sondern meinte nur er hätte gerade nicht viel Zeit und solle mich kurz fassen. Danach blickte er mich an und ich sah, wie er innerlich zusammenzuckte.
Du?
Ja, ich. Kennst du mich etwa?
Na hör mal, ohne mich würdest du hier nicht stehen.
Das wage ich doch zu bezweifeln. Ich möchte jetzt Antworten. Was ist auf der Brücke passiert? Wo war ich vorher? und Wieso ist Rosemarie Schneider tot?
-Sie ist was? –
Ja, tot. Du hast schon richtig gehört.
Dann ist alles vorbei. Ich bin ruiniert. Also gut. Wir haben die Entwürfe von dir aus Bernd Eickemeyers Büro geklaut und dich danach konzipiert. Damit dich keiner entdeckt, wurdest du in einer Mülltonne hinter dem Jungle versteckt.
Das Jungle?, was ist das? unterbrach ich ihn.
-Ein Club, ist doch egal. Auf jeden Fall war das nicht besonders schlau von uns, denn die Müllabfuhr hat dich abgeholt und du warst auf einmal verschwunden. Ich bin in der ganzen Stadt umher gelaufen, habe nach dir gesucht und dich schließlich auf der Halde gefunden. Doch Bernd Eickemeyer ist uns auf die Schliche gekommen und wollte dich zurückhaben. Auf der Brücke haben wir uns getroffen, doch ich habe so getan, als ob du ein Mensch wärst. Deshalb hab ich dich geküsst, als wärst du einfach nur eine Frau, mit der ich auf der Brücke stehe. Irgendwas ist dabei passiert, denn du bist plötzlich zum Leben erwacht. Das war bis dahin nämlich unser Problem. Du warst zwar menschlich, doch einfach nur leblos, wie eine gewöhnliche Puppe. Bernd Eickemeyer hat uns auseinander gerissen und ich habe ihn versehentlich über das Geländer befördert. Dann haben wir uns noch einmal geküsst und plötzlich warst du verschwunden. Einfach weg, wie in Luft aufgelöst.
Ich war verdattert. Das war ungefähr die Geschichte, die ich mir zurechtgelegt hatte. Es war die einzige Erklärung. Doch ich wusste nicht, ob ich Tim mögen oder verabscheuen sollte. Zwar war er es, den ich geküsst hatte und dessen Lippen mich so beeindruckt hatten, doch war es denn moralisch vertretbar einfach einen Menschen zu erschaffen um ihn als Puppe im Schaufenster auszustellen? Und dabei hatte er Bernd Eickemeyer getötet. Er war ein Mörder. Ich war schon wieder verwirrt. Tim schien es nicht besser zu gehen.
Was sagtest du, Rosemarie ist tot? Das versteh ich nicht.
Diesmal konnte ich ihm die Situation erklären. Die Leute von Bernd Eickemeyer haben herausgefunden, dass ihr dahinter steckt, schließlich liegen in ihrem Büro alle Skizzen herum, sie haben sie in ihrer Wohnung besucht, die Tür war aufgebrochen als ich dort war. Anscheinend haben sie sie dann umgebracht.
Plötzlich wurde mir etwas klar: Dieser Mann ist gefährlich. Er will aus mir wieder eine Puppe machen, mich zu seiner Marionette modellieren, aus bloßer Profitgier. Nach dieser Erkenntnis rannte ich davon. Aus dem Büro, die Feuertreppe hinunter, aus dem großen Gebäude heraus. Ich rannte und rannte und stand schließlich wieder an der Brücke, an der alles angefangen hatte. Ich setzte mich auf den Boden und lehnte mich ans Geländer. Ich musste meine Gedanken ordnen. Es war inzwischen Mittag, langsam zogen wieder Wolken auf und ein kalter Wind fegte über mein Gesicht. Ich dachte nach.
Ich bin eine Puppe. Ich wurde erschaffen um die Menschen dazu zu bringen mehr zu kaufen. Ich ekelte mich vor mir selbst. Bernd Eickemeyer hat mich entworfen, doch seine Pläne wurden geklaut. Tim Burckhardt und Rosemarie Schneider haben mich gebaut und versteckt. In einer Mülltonne hinter einem Club. Deshalb waren mir der Beat und der Müllgeruch so vertraut vorgekommen. Ich wurde auf die Müllkippe gebracht, doch Tim fand mich. Er ging mit mir über die Brücke. Hier, an dieser Stelle wurde ich geküsst. Von ihm. Seit dem lebe ich. Ich möchte nicht wieder zur Puppe werden. Ich werde verschwinden. Ich werde in eine andere Stadt gehen und ein ganz normales Leben führen. Ja, das werde ich. Ich war entschlossen. Als ich mich zum Gehen wandte kamen mir noch einige Fragen ein: Wieso war ein Teil meines Rockes in dem Schließfach und woher wusste ich, wie ein Mensch denkt, fühlt etc.? Wieso konnte ich rauchen? Ich wusste es nicht. Doch nach all dieser Hektik waren mir diese Fragen egal.

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